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Monday, 4. June 2007

Welcome To The Voice

»Die wahre Erlösung ist die menschliche Stimme.« Von der Stärke menschlichen Verlangens überzeugt uns Sting mit diesen Worten aus dem Titelstück von Welcome to the Voice.


»Die wahre Erlösung ist die menschliche Stimme.« Von der Stärke menschlichen Verlangens überzeugt uns Sting mit diesen Worten aus dem Titelstück von Welcome to the Voice.

In dem überaus modernen Werk zelebriert der Sänger die sinnliche, sogar übersinnliche Kraft der Stimme – gemeinsam mit Opernstars wie Barbara Bonney, Amanda Roocroft, Sara Fulgoni und Nathalie Manfrino sowie den Rockkollegen Elvis Costello und Robert Wyatt. Die eindeutige Präzision klassischen Komponierens vereint sich darin mit den Farben des Zufalls (auch des glücklichen) improvisierter Musik.

Der Komponist Steve Nieve und die Librettistin Muriel Teodori haben das »Werk über unwahrscheinliche Begegnungen« verfasst. Nieve, ein klassisch ausgebildeter Pianist und Komponist aus London, der seit 1977 einen wichtigen Part in den Bands von Elvis Costello hat, selbst Solist ist, aber auch mit Musikern wie David Bowie oder Anne Sofie von Otter gearbeitet hat, ist seit über 10 Jahren mit der französischen Psychoanalytikerin, Autorin, Filmmacherin und Dramatikerin Muriel Teodori liiert. Ihre eigene »unwahrscheinliche Begegnung« führte zu Welcome to the Voice, einem Werk, das nicht nur unterschiedliche kulturelle und gesellschaftliche Welten – einen Stahlarbeiter und eine Opernsängerin –, sondern auch sehr verschiedene, weltberühmte Stimmen zusammenbringt. »Alles an Welcome to the Voice ist unerwartet«, betont Steve Nieve. »Allein die Zusammenarbeit zwischen Muriel und mir: Sie ist eine Französin, eine Psychoanalytikerin, eine Intellektuelle – also alles, was ich nicht bin. Das Ganze ist wie ein durch und durch unwahrscheinlicher Traum.«

Dass die 70 Minuten von Welcome to the Voice so traumhaft fesseln und aufgehen, die Musik selbst ihre ganz eigene Stimme findet, ist den Interpreten und den Verfassern gleichermaßen zu verdanken. »Mit Welcome to the Voice haben sie ein eigenes Terrain an der Grenze von Kunstmusik und Pop geschaffen«, schrieb Ann Powers in der New York Times nach einem Workshop im New Yorker Town Hall Theater. »Das Werk entwickelt ihre raffinierten Strukturen noch weiter und trägt dazu bei, die Kluft zwischen den musikalischen Genres zu überwinden.« Bill Crandall befand in RollingStone.com: »Ungleiche Stimmen werden vereint, Schönheit siegt über Alltag und – das ist das Wichtigste – es gibt ein Happy End. Es ist keine neue Geschichte, aber durch die inspirierten Köpfe Nieves und Teodoris . . . wird sie eine erhabene.«

»Die Geschichte von Welcome to the Voice ist sehr einfach, sehr elementar«, erklärt Muriel Teodori. Es geht um den Stahlarbeiter Dionysos, den Sohn eines griechischen Immigranten, den seine Leidenschaft für die Musik der Oper in eine stürmische Liebe zu einer Operndiva treibt. Die ganze Handlung spielt auf der Eingangstreppe der Oper: Hier wird Dionysos (Sting) von den Geistern der Carmen (Sara Fulgoni), Norma (Amanda Roocroft) und Butterfly (Nathalie Man­frino) heimgesucht, hier versucht ihn sein Freund (Robert Wyatt, einst Sänger von der legendä­ren Band Soft Machine) von der Aussichtslosigkeit seiner Liebe zu überzeugen. Als Dionysos seiner Angebeteten (Barbara Bonney) schließlich begegnet, will er sie umarmen, sie küssen, doch sie schreckt vor seiner Leidenschaft zurück. Der Polizeichef (Elvis Costello) trifft ein, um ihn zu verhaften.

»Gemeinhin sterben die Hauptdarsteller am Ende einer Oper«, meint Muriel Teodori. »In Wel­come to the Voice stirbt niemand. Es kommt anders: Dionysos will die Diva davon überzeugen,  dass ihre Liebe alle Gegensätze überwinden kann. Das Schlusswort des Werks ist ›Ja‹. Und wir fordern jeden auf einzustimmen, die Sänger, die Musiker, die Techniker, das sagt eigentlich alles.«

Der nach dem griechischen Gott der Fruchtbarkeit und der Ekstase benannte Immigrantensohn konstatiert schon im Prolog: »Transzendenz hat keinen Sinn mehr in dieser Welt. Teufel und Götter sind arbeitslos, sie sind nur noch gut fürs Museum.« Sting, der diese Hauptrolle singt, aber immer wieder betont, sich weder besonders mit Oper an sich, noch mit Operngesang auszukennen, sagt: »Es geht wohl darum, die Welt des populären Gesangs, des proletarischen Gesangs, mit der Hohen Kunst zu vereinen. Ob es gelingt oder nicht, ist egal. Es ist ein mutiges Werk. Und ich würde mir wünschen, dass man es für das nimmt, was es ist.«

Barbara Bonney geht noch etwas weiter. »Wir können viel voneinander lernen«, erklärt die amerikanische Sopranistin. »Es war wirklich eine Erfahrung, Sting zuzuhören, wie er seine Stimme einsetzt, die Freiheit zu erleben, mit der er die notierte Musik behandelt. Ich sehe die Noten auf dem Papier und fühle mich verpflichtet, sie genau so zu singen. Sting sieht darin eher eine Art Umgebungsplan und sagt sich ›Okay, ich kann links abbiegen oder rechts. Ich entscheide, in welche Richtung ich gehe‹. Das ist für mich wahre Interpretation. Was ich tue, ist dagegen nur ›Re-Kreation‹.« Barbara Bonney lobt Welcome to the Voice an sich und besonders die Musik, die der Komponist selbst »einfach« nennt »und begrenzt auf das, was ich selbst spielen kann«. »Das Interessante an Steves Musik ist, dass sie eben nicht zu einem bestimmten Genre gehört«, erklärt sie. »Ich denke sogar, dass er ein neues Genre erfunden hat. Es ist fast unmöglich ein Wort zu finden, das diese Musik beschreibt. Ich denke eher an eine Art ›Singspiel‹, weil das Werk mit der Stimme und der Musik spielt. Und das auf eine Art und Weise, die ich nie zuvor erlebt habe.«

Der Komponist, dem wir auch die Songs »Perfume Song«, »Happiness« oder »The Unlikely Duet« verdanken, meint schlicht: »Wir leben im Zeitalter der Hybride und Fusionen. Und genau das repräsentiert diese Arbeit. Das Verschmelzen dieser Musik erscheint mir absolut natürlich.«

»Das Ganze war ein schönes und unvorhersehbares Abenteuer. Sänger, die wir überaus schätzen, haben mitgemacht,  wir konnten mit dem fantastischen Brodsky Quartet zusammenarbeiten, mit Meistern des Jazz wie Marc Ribot und Ned Rothenberg, last but not least erscheint das Album bei Deutsche Grammophon. Der Prozess hat viele Überraschungen mit sich gebracht. Die größte davon ist vielleicht, dass Muriel und ich noch zusammen sind nach dieser intensiven Arbeit!«

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