Massiv
Hype, das ist der Zustand, der Rausch, die Hysterie, die ein Künstler braucht, will er nach ganz oben. Plattenfirmen und Managements geben gerne einen Haufen Geld aus, um für ihre Künstler einen Hype zu erzeugen. Bis ins Detail planbar ist ein solches Manöver in der Regel jedoch nicht.
Massiv hat einen Hype. Und der unterscheidet sich vom eingangs geschilderten Szenario in gleich zwei entscheidenden Punkten. Eine Plattenfirma, die am Reißbrett ein Image für ihn entwickelt hat? Fehlanzeige. Ein gewiefter Manager, der stetig Geschichten für die Presse lanciert? Ebenfalls Fehlanzeige. Ohne je ein Video auf Rotation gehabt zu haben, ohne je richtig im Radio gelaufen zu sein wird er auf der Straße erkannt, angesprochen, nach einem Autogramm gefragt. Seit sich herumgesprochen hat wo er wohnt, schrecken einige nicht mal davor zurück, bei ihm zu klingeln, um ihm Zuhause die ersehnte Unterschrift abzuverlangen. Kurz: Die Kids lieben diese „Kante“, wie Typen von Massivs Statur genannt werden.
Für Massivs Hype wurde bisher kaum Geld ausgegeben. Dass derzeit nicht nur die Rapszene von ihm spricht, sondern sich auch die großen Medien wie der Spiegel für ihn interessieren hat er sich selbst erarbeitet. Er selbst ist die Story, für man sich interessiert. Aus der Sicht eines Labels ist einer wie Massiv das pure Glück. Aus der Sicht anderer Rapper ist er der pure Alptraum. Er ist talentiert, glaubwürdig, stark, hungrig. Er kann das verkörpern, was er in seinen Texten erzählt. Seinen Namen kennt man in der deutschen Rapszene keine zwei Jahre. Und nun macht sich der Sohn palästinensischer Libanesen auf, danach zu greifen, was jeder Rapper in Deutschland gerne hätte.
Massiv hat für seinen Hype hart gearbeitet. Er ist ein Musik-Freak, kennt sich in der Materie bestens aus. Mit 15 hat der heute 23jährige seinen ersten Rap-Text geschrieben, mit 16 stand er zum ersten Mal auf der Bühne des Jugendhauses Pirmasens, jener Kleinstadt in Rheinland Pfalz, in der er geboren wurde. Bis er es mit dem Rappen richtig ernst nahm, vergingen aber noch Mal fünf Jahre. „Ich bin erst Mal wieder zu meinen Wurzeln zurückgekehrt“, erklärt Massiv seine Rap-Abstinenz. Das Faible fürs Reimen kommt bei ihm durch das Gedichtschreiben. In seiner Poesie verarbeitete er schon als Jugendlicher sein Leben und reflektierte sein Handeln. Dass er einiges erlebt hat, was ihn heute zu einem authentischen Straßen-Rapper macht, ist selbstredend.
Für seine Musik musste Massiv auch einige schwere Entscheidungen für seine Musik treffen. Er weiß, einem Straßen-Rapper aus Pirmasens wird so schnell niemand Gehör schenken. Also fährt er nach Berlin, denn an der Spree liegt nicht nur die Hauptstadt für das Politische, sondern auch die Hauptstadt in Sachen Rap. Dort versucht er, die Basis für seine Musik aufzubauen. Er beginnt, zwischen Pirmasens und Berlin zu pendeln. Die Trips kosten Geld, das er zunächst gar nicht hat. Aber er ist bereit, sein letztes Hemd dafür zu geben, buchstäblich. Er verkauft die teuren Klamotten, die er über die Jahre angehäuft hatte, versetzt seine CD-Sammlung und tut sonst was, um für seine Reisen flüssig zu sein. Als er die Tür nach Berlin weit genug geöffnet hat, überredet er schließlich seine Eltern, ihrem einzigen Sohn in die Hauptstadt zu folgen. Und so kündigt sein Vater seinen Job, lässt seine Mutter ihre Freundinnen zurück, um ihm Sohn nach Berlin-Wedding zu ziehen. Um im rauen Berlin der Straßen-Rapper nicht allein dazustehen hat Massiv vor Ort Kontakte geknüpft. Er weiß einen Freundeskreis um ihn, der auf ihn aufpasst, in allen Lebenslagen. Massiv nennt diese Leute seine Familie. „Das sind richtige Freunde, die würden mir auch beim tapezieren helfen “, sagt er. Kommt es darauf an, werden sie sich für ihn gerade machen. Und er für sie.
Massiv hat alles auf eine Karte gesetzt. Wirklich, alles. 2006 beginnt seine Arbeit Früchte zu tragen. Im Vorfeld hatte er seine Demoaufnahmen an etwa 100 Adressen geschickt, um einen Plattenvertrag zu bekommen. Horrorkore, ein kleines Berliner Label, war seiner Zeit das einzige, das überhaupt geantwortet hatte. Dort erscheint 2006, nachdem Massiv auf einem Mixtape des Labelführers MC Basstard zu hören war, sein Debütalbum. Der Titel: „Blut gegen Blut“. Auf der CD ist Massiv an der Seite etablierter Haupstadt-Rapper wie Frauenarzt oder Bass Sultan Hengzt zu hören. Auch sido und Fler von Aggro Berlin geben auf „Blut gegen Blut“ ein Stelldichein. Überhaupt erfährt Massiv vom Sägeblatt-Label großen Support. So zeigt sich Aggro-Artdirector Specter bereit, das Video von Massivs Untergrundhit „Ghetto Lied“ neu zu bearbeiten. Zudem treten sido und Harris in der neuen Fassung des Clips als Polizisten auf. Letzten Endes sorgt das „Ghetto Lied“ in der Szene schnell für Gesprächsstoff, was Massiv den Ruf einbringt, ein „Rapper mit Herz“ zu sein, der seine Zeilen glaubwürdig zu transportieren weiß.
Der nächste Gewalt verherrlichende Gangster-Rapper ist Massiv dennoch nicht. Sicherlich schildert er in seinen Texten kaum gefiltert seine Erlebnisse und Beobachtungen, deren Unterhaltungswert er mit einer kleinen Portion Fiktion anreichert. Doch von einer Glorifizierung der Kriminalität etwa kann keine Rede sein. Stets folgt der zunächst danach riechenden Zeile eine relativierende, in der Massiv auf die Konsequenz hinweist. Kurzum: Massiv weiß wovon er spricht. Und es gibt viele, die ihm nachfühlen können oder wollen. Er wird die Lücke des glaubwürdigen Straßen-Rappers schließen, die in letzter Zeit so viele vergeblich zu füllen versucht haben.
Weitere HipHop & Rap News
Weitere Musik-Tipps aus anderen Bereichen
Germany's Next Topmodel
Wer kennt nicht die Show „Germany’s next Topmodel“? Seit dem 28. Februar 2008 strahlt ProSieben die neue Straffel der Er
[mehr...]Reisen in die Vergangenheit: Konsolenspiele im August
Frankfurt/Main (dpa/tmn) - Oft reisen Videospieler in die Zukunft oder in fantastische Gefilde. In diesem Monat ist das
[mehr...]Sommerspiele in Aventurien - Nachschub für PC-Zocker
Hamburg (dpa/tmn) - Im August ist vor allem ein Thema angesagt: die Olympischen Sommerspiele in Peking. Allerdings ist S
[mehr...]Kelly Rowland - das Ex-Destinys Child mit neuer Single - "Work"
Im Juni vergangenen Jahres konnte Kelly Rowland den bis dato größten Erfolg ihrer Solo-Karriere feiern: Erstmals gelang
[mehr...]Erykah Badu - „New Amerykah Part 1“
Nach gut vier Jahren Babypause meldet sich die Soul-Ikone und Grammy-Gewinnerin mit ihrem dritten Full-Length-Release zu
[mehr...]





