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Monday, 5. September 2005

Toni Kater: "Futter"

So niedlich die Geschichte auch ist, sie wurde zu oft erzählt. Das Märchen von dem süßen Mädchen auf Samtpfoten, das schon als Teenager musiziert, nach Ibiza ausreißt, ihren Traum nie loslässt und im neuen Jahrtausend in der Hauptstadt Fuß fasst, um dort Songs zu schreiben, die wie ein verträumtes Flüstern in den Dächern hängen. Dabei lohnt es sich, hinter dem Bild vom melancholischen, ewigen Mädchen die Musikerin zu entdecken und die 28jährige Toni Kater für voll zu nehmen.


So niedlich die Geschichte auch ist, sie wurde zu oft erzählt. Das Märchen von dem süßen Mädchen auf Samtpfoten, das schon als Teenager musiziert, nach Ibiza ausreißt, ihren Traum nie loslässt und im neuen Jahrtausend in der Hauptstadt Fuß fasst, um dort Songs zu schreiben, die wie ein verträumtes Flüstern in den Dächern hängen. Dabei lohnt es sich, hinter dem Bild vom melancholischen, ewigen Mädchen die Musikerin zu entdecken und die 28jährige Toni Kater für voll zu nehmen.

 

Es stimmt ja: Tonis Wesen wird wirklich von Romantik bestimmt. Allerdings von einer, die tiefer geht als die Sinnsprüche auf Postkarten oder der kleine Frauchen-Seufzer zwischen Werbung und Stauschau. Tonis große Themen sind die ewige Reise und das Einreißen von Grenzen. Die Unmöglichkeit, jemals anzukommen und die Momente höchster Intensität, in denen man nicht mehr wie durch ein „Kaleidoskop“ zersplittert ist, sondern die Grenze zwischen Ich und Welt sich auflöst. Die Sehnsucht ihrer Songs handelt von diesen Momenten der Entgrenzung und neben der Liebe ist es vor allem das Musik machen selbst, das ihr den Glücksmoment verschafft, wirklich „bei sich zu sein“.

 

Auf „Futter“ hat sich der rote Faden der „unendlichen Suche“ auch musikalisch niedergeschlagen. Die Platte ist verspielter als das Debüt „Gegen die Zeit“,  traut sich mehr und nimmt im Koordinatensystem Pop harmonisch gerne mal den abseitigeren Pfad. Songwriterpop und Elektronik entfalten sich ohne jede Reue – wo es in „Tiefer“ schummrig pluckert, führt uns in  „Ist er der?“ eine Slidegitarre zu schönstem Folkpop. Der Kontrast zwischen „kühler“ Elektronik und „warmer“ Gitarrenmusik wird aufgehoben, da noch der kleinste, durch die Nacht huschende Digitalschnörkel im Dienste dessen steht, was diese Musik bestimmt: Atmosphäre. Hier ist eine Musikerin zu hören, die mit offenem Ohr durch die Welt geht, Suzanne Vega ebenso schätzt wie Aphex Twin und ihr Studium der Musikwissenschaft als Horizontöffner für ästhetische Welten versteht. Eine Frau, die mit ihrer Freundin Tobi schon als Teenager desillusionierende Erfahrungen mit Popstar-Produzenten machte, bis das junge Duo nach Berlin ging und in Inga Humpe und Tommy Eckhardt von 2Raumwohnung zwei überzeugte Förderer fand. Nach den ersten Gehversuchen 1998 (das Projekt Helena), 2001 (Chor bei 2Raumwohnung) und 2002 (Teilnahme an der Neupop-Tour) stieg Tobi aus. Und auch von den Mentoren, die 2004 ihr Debüt produzierten, hat Toni sich mittlerweile sanft emanzipiert, hin zu Pop mit dem Ohr für das Außen, die Ferne, die Möglichkeiten. Musik ohne blinden Fleck.

 

Einmal hat sie auf „Futter“ sogar ihre Band losgelassen, die nur aus Jungs besteht und gerne mal heimlich Metal spielt. Kaum waren die Zügel locker, stand „Gut sein“ im Raum, Toni Katers erste Rocknummer, die sich auch als Statement gegen das Image vom belanglos-lieben Samtpfötchen lesen lässt. Da stand sie dann und blieb. Passt nicht aufs Album? Alles passt, denn es gehört zum Weg. Und „Vollendung“ ist nichts, was Romantiker jemals interessierte. Schon die alten Dichter gestalteten ihre Werke als Fragment und ließen immer mitschwingen, dass der Weg niemals zu Ende sein kann, da sonst das Sehnen aufhört. Nach Neuem, nach Liebe, nach dem Gefühl, im Erschaffen von Kunst etwas Größerem nahe zu kommen. Es ist diese Spannung, die Toni Katers Entwurf von Pop ausmacht. Das Popverständnis einer Frau, die eigentlich zu innerlich ist, um in Berlin zu leben und zu impulsiv, um knallhart Karriere zu machen. Dass dennoch beides klappt, liegt daran, dass sie in einem einzigen Punkt angekommen ist: Sie hat ihre Berufung gefunden.

Der Rest ist Weg statt Ziel.

 

Das Album "Futter" erscheint am 05.09.2005

 

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Futter


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